Identität nach der Pensionierung: Wer bin ich ohne Rolle?

Am ersten Montag nach der Pensionierung wacht er wie immer um sechs auf. Er liegt eine Weile da, bevor ihm einfällt, dass er nirgendwo hin muss. Kein Meeting, keine Mitarbeitenden, die auf eine Entscheidung warten, kein Kalender, der den Tag strukturiert. Er hat sich auf diesen Moment gefreut, jahrelang. Jetzt sitzt er am Küchentisch mit einem Kaffee und merkt, wie unangenehm still es ist. Nicht weil ihm etwas zu tun fehlt, er hat genug Projekte, Reisen, Pläne. Sondern weil zum ersten Mal seit dreissig Jahren niemand mehr fragt, was er von etwas hält, oder auf seine Entscheidung wartet. Er merkt, wie viel von dem, was er für seine Persönlichkeit gehalten hat, eigentlich seine Funktion war.