Wer bin ich, wenn die Rolle wegfällt?

Über Pensionierung, Jobverlust und die Frage, was von einem bleibt, wenn die Funktion wegfällt

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Phase: Nähe & Endlichkeit
Lesezeit: 5 Min.

Am ersten Montag nach der Pensionierung wacht er wie immer um sechs auf. Er liegt eine Weile da, bevor ihm einfällt, dass er nirgendwo hin muss. Kein Meeting, keine Mitarbeitenden, die auf eine Entscheidung warten, kein Kalender, der den Tag strukturiert. Er hat sich auf diesen Moment gefreut, jahrelang. Jetzt sitzt er am Küchentisch mit einem Kaffee und merkt, wie unangenehm still es ist. Nicht weil ihm etwas zu tun fehlt, er hat genug Projekte, Reisen, Pläne. Sondern weil zum ersten Mal seit dreissig Jahren niemand mehr fragt, was er von etwas hält, oder auf seine Entscheidung wartet. Er merkt, wie viel von dem, was er für seine Persönlichkeit gehalten hat, eigentlich seine Funktion war.

In den ersten Wochen ruft ihn noch der eine oder andere ehemalige Kollege an, aus Höflichkeit, aus echtem Interesse. Die Anrufe werden seltener. Nach einem halben Jahr merkt er, dass die Firma, für die er dreissig Jahre gearbeitet hat, ohne ihn genauso weiterläuft wie zuvor. Das ist keine Überraschung, das war ihm immer klar. Trotzdem trifft es ihn anders, als er erwartet hätte, weil es zum ersten Mal konkret zeigt, wie ersetzbar die Rolle war, die er über Jahrzehnte für einen Teil von sich selbst gehalten hat.

Die Frage, die du dir nicht stellst

Die naheliegende Frage nach einem solchen Übergang lautet: Womit fülle ich jetzt meine Zeit? Reisen, Hobbys, Enkelkinder, ein Ehrenamt. Diese Frage lässt sich meistens gut beantworten, und trotzdem bleibt oft ein diffuses Unbehagen zurück. Die eigentliche Frage liegt tiefer: Wer bin ich, wenn niemand mehr meine Meinung braucht, meine Entscheidung, meine Freigabe? Diese Frage stellt sich selten jemand vorher, weil sie erst spürbar wird, wenn die Rolle tatsächlich weg ist, vorher lässt sie sich theoretisch beantworten, aber nicht wirklich fühlen.

Was wirklich dahintersteckt

Über Jahrzehnte verschmilzt eine Funktion mit der eigenen Identität, ohne dass man das bemerkt, weil es schrittweise passiert. Man wird zu dem, was man tut. Der Titel, die Verantwortung, das Gebrauchtwerden, all das gibt Struktur und Bestätigung, und mit der Zeit ersetzt es die Frage, wer man ohne diese Struktur überhaupt ist. Das ist kein individuelles Versagen, sondern eine fast zwangsläufige Folge davon, wie Arbeit über Jahrzehnte Bestätigung liefert, während man sich um die andere Frage nie kümmern musste, weil sie nie akut wurde. Sie wird erst akut, wenn die Rolle wegfällt, durch Pensionierung, Kündigung, Krankheit. Dann zeigt sich, was ohne die Funktion übrig bleibt.

Bezeichnend ist, dass dieser Mechanismus bei Menschen mit besonders erfolgreichen Karrieren oft stärker wirkt, nicht schwächer. Wer viel erreicht hat, hat auch besonders viel Bestätigung über die Rolle bekommen, und entsprechend gross ist die Lücke, wenn diese Bestätigung plötzlich fehlt. Der Trugschluss lautet: Je erfolgreicher jemand beruflich war, desto besser müsste er auf den Übergang vorbereitet sein. In der Praxis ist es oft umgekehrt.

Was das bedeutet

Rolle und Identität sind über Jahre so eng verwoben, dass ihr Unterschied erst sichtbar wird, wenn die Rolle wegfällt. Was dann übrig bleibt, ist nicht automatisch weniger, aber es ist ungewohnt, weil es zum ersten Mal seit langem ohne äussere Bestätigung auskommen muss.

Was nicht hilft

Sich sofort ein neues Projekt zu suchen, ein Verwaltungsratsmandat, ein Beratungsauftrag, ein Ehrenamt mit Titel, löst die eigentliche Frage nicht, sondern verschiebt sie nur wieder. Genauso wenig hilft der gut gemeinte Rat, jetzt endlich Zeit für sich zu haben, wenn niemand konkret sagt, was das eigentlich heisst. Auch reine Beschäftigungstherapie, volle Agenda, viele Aktivitäten, überdeckt die Leere meistens nur, statt sie zu klären.

Was tatsächlich hilft

Hilfreicher ist es, sich bewusst eine Zeit ohne neue Rolle zuzugestehen, so unbequem sich das anfühlt, und in dieser Zeit ehrlich zu beobachten, was tatsächlich übrig bleibt, welche Werte, welche Interessen, welche Beziehungen tragen, wenn kein Titel mehr dahinter steht. Das gelingt selten allein, weil man in dieser Phase kaum unterscheiden kann zwischen dem, was einem wirklich wichtig ist, und dem, was nur die alte Rolle ersetzt. Ein Gegenüber, das gezielt nachfragt, macht hier oft den Unterschied.

Ein weiterer, sehr konkreter Schritt: mit Menschen sprechen, die einen schon kannten, bevor die berufliche Rolle überhaupt existierte, Geschwister, alte Freunde, manchmal auch die eigenen Kinder aus deren früher Kindheit. Diese Perspektiven sind oft der einzige verlässliche Zugang zu der Person, die man war, bevor die Funktion begann, den Blick auf sich selbst zu bestimmen.

In meiner Arbeit mit Menschen nach der Pensionierung zeigt sich immer wieder derselbe Punkt: Die Leere direkt nach der Rolle ist kein Zeichen, dass etwas falsch gelaufen ist. Sie ist der ehrliche Moment, in dem sichtbar wird, was tatsächlich zu einem gehört, und was nur zur Funktion gehörte.

Nächster Schritt

Wenn du gerade an diesem Übergang stehst oder ihn kommen siehst: Melde dich. Kein Ruhestandsprogramm, ein Gespräch darüber, was bleibt, wenn die Rolle wegfällt.

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