Über das, was auf dem Bildschirm verloren geht — und was manchmal überraschend bleibt.
Phase: Coaching-Kritik
Lesezeit: 3 Min.
Die Pandemie hat Online-Coaching normalisiert. Was vorher als Notlösung galt, ist heute Standard — auch für Coaches, die zuvor ausschliesslich persönlich gearbeitet haben. Das hat viele Vorteile: mehr Erreichbarkeit, weniger Reiseaufwand, niedrigere Einstiegshürden. Und es hat einen Preis, über den die Branche auffällig wenig spricht.
Ich arbeite beides — persönlich und online, seit Jahren in beiden Formaten. Und ich sage dir, was ich dabei gelernt habe, auch wenn es unbequem ist: Nicht alles, was praktischer ist, ist gleich gut. Online-Coaching ist nicht dasselbe wie persönliches Coaching. Es ist etwas anderes — mit eigenen Stärken und mit eigenen, selten benannten Grenzen.
Was im Video-Call verloren geht
Körpersprache ist im Coaching kein nettes Extra — sie ist Information. Wie jemand sitzt. Ob er beim Reden den Blick abwendet. Ob er kurz innehält, bevor er antwortet — und wie lange diese Pause ist. Ob seine Stimme fester wird, wenn er über ein bestimmtes Thema spricht, oder leiser. Diese Signale sind im persönlichen Gespräch unmittelbar präsent. Auf einem Bildschirm, komprimiert auf ein 15-Zoll-Fenster, mit Verbindungsverzögerungen und schlechter Ausleuchtung, gehen viele davon verloren.
Dazu kommt etwas Subtileres: die physische Präsenz selbst. Es gibt einen Unterschied, ob jemand wirklich mit dir im Raum sitzt — ob du seine Energie spürst, ob der Raum gemeinsam schweigt, ob die Stille gehalten wird — und ob zwei Bildschirme einander gegenüberstehen. Echte Stille im persönlichen Gespräch ist produktiv. Sie entsteht, wenn jemand wirklich nachdenkt und der andere dieses Nachdenken begleitet. Stille im Video-Call hingegen ist meistens technisch unangenehm: Hat die Verbindung gebrochen? Sollte ich etwas sagen? Wir füllen die Stille schneller — und nehmen dem Klienten dabei oft genau den Raum, den er gerade braucht.
Ich erinnere mich an eine Session, die ich online geführt habe, und die danach persönlich stattfand — mit demselben Klienten, zum selben Thema. Der Unterschied war spürbar, obwohl ich dieselben Fragen gestellt habe. Im persönlichen Gespräch entstand eine Qualität von Stille, in der etwas aufgetaucht ist, das online nicht aufgetaucht wäre. Nicht weil die Frage besser war. Sondern weil der Raum anders war.
Was das bedeutet Online-Coaching kann inhaltlich genauso präzise sein wie persönliches Coaching. Was es nicht vollständig replizieren kann, ist die körperliche Dimension — Präsenz, Stille, nonverbale Signale, der gemeinsam geteilte Raum. Für manche Themen und manche Menschen spielt das keine entscheidende Rolle. Für andere ist es der Unterschied zwischen einem Gespräch, das wirklich landet, und einem, das gut war — aber nicht in die Tiefe gegangen ist. |
Wann Online-Coaching trotzdem — oder sogar besser — funktioniert
Ich habe auch das Gegenteil erlebt: Klienten, die sich online öffnen konnten auf eine Art, die sie im persönlichen Gespräch zunächst nicht konnten. Nicht weil die Distanz des Bildschirms emotional schützender wäre, sondern weil das eigene Zuhause für manche Menschen vertrauter ist als ein fremdes Büro. Weil man nach dem Gespräch einfach aufstehen und in die Küche gehen kann, statt erst nach Hause fahren zu müssen, während die Gedanken noch nachhallen. Weil die geografische Distanz zum Coach manchmal eine psychologische Nähe ermöglicht, die im persönlichen Gegenüber schwieriger ist.
Für Folgegespräche in laufenden Prozessen funktioniert Online gut — weil die Beziehung bereits aufgebaut ist und das Gespräch darauf aufbauen kann. Das Fundament des Vertrauens ist bereits gelegt, und das Online-Format kann darauf aufbauen. Für Erstgespräche, für tiefe Einstiegssessions, für Momente in denen jemand wirklich an seine Grenzen geht und der Boden unter ihm unsicher wird — da würde ich persönliche Gespräche vorziehen, wenn logistisch möglich.
Es gibt auch Themen, für die Online tatsächlich besser ist. Klienten, die in einer Situation stecken, in der sie sich in einem fremden Raum exponiert fühlen würden. Führungskräfte, die ihren Assistenten nicht mit der Information konfrontieren wollen, dass sie einen Coach aufsuchen. Menschen in kleinen Gemeinden, wo Vertraulichkeit schwieriger zu gewährleisten ist. In diesen Situationen ist das Online-Format nicht nur praktikabler — es ist der Schutzraum, der das Gespräch erst ermöglicht.
Was die Branche ungern zugibt
Online-Coaching ist wirtschaftlich attraktiver als persönliches Coaching — für Coaches. Keine Raummiete, keine Fahrtzeit, mehr Klienten pro Tag, globale Erreichbarkeit, Skalierbarkeit. Das sind echte wirtschaftliche Vorteile. Aber sie liegen vor allem auf der Seite des Coaches, nicht auf der des Klienten. Wenn die Branche Online-Coaching vor allem deshalb bewirbt, weil es günstiger und skalierbarer ist — dann ist das ein Interessenskonflikt, der selten offen benannt wird.
Ich sehe das besonders in Angeboten, die ausschliesslich online stattfinden und dabei als vollwertiges, hochpreisiges Coaching-Programm verkauft werden. Die wirtschaftliche Logik ist verständlich. Die fehlende Reflexion darüber, was dabei verloren geht, finde ich problematisch.
Wie ich damit umgehe
Ich biete beides an, und ich empfehle bewusst, basierend auf dem, was ich über den Klienten und sein Thema weiss. Erstgespräche mache ich gerne online — sie sind unkomplizierter, die Einstiegshürde ist niedriger, und der erste Kontakt braucht keine maximale Tiefe. Wenn jemand dann in einen Prozess einsteigt, empfehle ich, die erste intensive Session persönlich zu führen, wenn logistisch möglich. Für Begleitgespräche in einem laufenden Prozess ist Online vollkommen geeignet, oft sogar effizienter.
Was ich nicht tue: Online als vollständig gleichwertig verkaufen, wenn ich weiss, dass es das nicht immer ist. Das wäre nicht ehrlich. Und Ehrlichkeit — über Grenzen genauso wie über Möglichkeiten — ist das, wofür meine Klienten letztlich bezahlen.
Es gibt noch eine Dimension, über die selten gesprochen wird: das Verhältnis von Online-Coaching zu Vertrauen. Vertrauen entsteht nicht nur durch das, was gesagt wird — es entsteht durch alles, was den Raum füllt. Die Art, wie jemand nickt, wenn man etwas Schwieriges sagt. Die Pause, die der Coach lässt. Der Moment, in dem er kurz den Blick senkt, weil eine Aussage ihn selbst getroffen hat. Diese Signale sind nicht dekorativ — sie sind Substanz. Auf einem Bildschirm gehen sie oft verloren — oder sie kommen verzögert, missverständlich, anders als gemeint.
Für längere Online-Prozesse empfehle ich deshalb, mindestens einmal im Quartal ein persönliches Treffen einzuplanen — wenn die Logistik es erlaubt. Nicht weil Online nicht funktioniert, sondern weil das persönliche Gespräch die Basis erneuert, auf der das Online-Gespräch aufbaut. Es ist wie das Fundament zu prüfen, bevor man weiterbaut. Die Qualität des Prozesses verbessert sich merklich, auch wenn das Prüfen selbst unsichtbar bleibt. Wer das weiss und entsprechend plant, bekommt das Beste aus beiden Formaten — ohne auf die Tiefe des einen oder die Flexibilität des anderen verzichten zu müssen.
Ich habe einmal einen Klienten begleitet, der ausschliesslich online arbeitete — über ein ganzes Jahr. Die Sessions waren gut. Die Fragen trafen. Die Erkenntnisse waren real. Und dann, beim ersten persönlichen Treffen, passierte etwas, das online nicht passiert war: Er schwieg fast fünf Minuten. Nicht weil ihm nichts einfiel, sondern weil der Raum es erlaubte. Weil die Stille nicht technisch beendet wurde. Weil er merkte, dass er einfach dasitzen konnte, ohne etwas zu produzieren. Das war der Moment, in dem das eigentliche Thema auftauchte — nicht das, das er am Anfang mitgebracht hatte.
Das ist kein Argument gegen Online-Coaching. Es ist ein Argument dafür, ehrlich zu sein, was Online-Coaching leisten kann und was es nicht kann. Und es ist ein Argument dafür, dass die Entscheidung zwischen den Formaten nicht logistisch getroffen werden sollte — sondern auf Basis dessen, was der Mensch und das Thema gerade brauchen.
Nächster SchrittWenn du wissen willst, welches Format für dich und dein Thema am meisten Sinn macht: Schreib mir. Wir finden das in einem kurzen Erstgespräch heraus. info@viventis.net · viventis.net |
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