Warum so viele Coaches reden, aber so wenige fragen.

Über den Unterschied zwischen Rat geben und Klarheit ermöglichen.

Artikel 21

Phase: Coaching-Kritik
Lesezeit: 6 Min.

Du sitzt in einer Coaching-Session und merkst: Der Coach redet mehr als du. Er erklärt, interpretiert, gibt Tipps. Du nickst, schreibst mit, fühlst dich gut beraten. Und am Ende hast du eine Liste von Dingen, die du tun solltest — aber kein einziges Mal wurdest du wirklich gefragt, was du willst.

Das ist keine seltene Erfahrung. Es ist die Norm geworden. Ich habe in den letzten Jahren mit vielen Menschen gesprochen, die vorher schon Coaching hatten — bei anderen Anbietern, in anderen Programmen. Und ein Muster zieht sich durch fast alle dieser Gespräche: Sie erinnern sich an das, was der Coach gesagt hat. Selten erinnern sie sich an eine Frage, die sie selbst zum Nachdenken gebracht hat.

Was wirklich passiert

Reden fühlt sich nach Wert an — für den Coach und für den Klienten. Wer redet, scheint zu wissen. Wer Ratschläge gibt, scheint zu helfen. Das ist der Grund, warum so viele Coaching-Formate auf Inhalt statt auf Prozess setzen: Inhalt ist sichtbar, Prozess ist es nicht. Ein Klient, der nach einer Session eine Liste mit drei konkreten Massnahmen hat, fühlt sich oft zufriedener als einer, der nach einer Session nur eine unbequeme Frage mit nach Hause nimmt — selbst wenn die Frage langfristig mehr bewirkt.

Das erzeugt einen ökonomischen Anreiz, der in der Branche selten offen angesprochen wird: Coaches, die liefern, werden als kompetenter wahrgenommen als Coaches, die fragen. Das führt dazu, dass viele — auch unbewusst — in Richtung Beratung driften, obwohl sie sich Coach nennen.

Aber Coaching, das vor allem aus Ratschlägen besteht, hat ein strukturelles Problem: Es überträgt die Verantwortung für die Lösung auf den Coach. Funktioniert der Rat, war der Coach gut. Funktioniert er nicht, war der Klient nicht konsequent genug. In beiden Fällen lernt der Klient nichts darüber, wie er selbst zu Klarheit kommt. Er lernt, dass die Antwort von aussen kommt — und genau das ist das Gegenteil von dem, was gutes Coaching erreichen sollte.

Der Unterschied

Ein Coach, der vor allem fragt, überträgt die Verantwortung dorthin, wo sie hingehört: zum Klienten. Das ist unbequemer — für beide Seiten. Es gibt keine fertige Liste, die man am Ende der Session abhaken kann. Es gibt nur die Erfahrung, selbst zu einer Antwort gekommen zu sein. Und das ist der einzige Weg, der wirklich trägt, wenn der Coach nicht mehr da ist.

Woran du es erkennst

Zähl mit, in der nächsten Session: Wie oft stellt dein Coach eine echte, offene Frage — eine, auf die er die Antwort nicht schon kennt? Und wie oft erklärt er dir stattdessen etwas, was er bereits für richtig hält, verpackt als Frage? Es gibt einen feinen, aber entscheidenden Unterschied zwischen «Hast du schon mal überlegt, dass es vielleicht an X liegt?» und einer echten offenen Frage wie «Was glaubst du, woran das liegt?». Das erste ist ein verkleideter Ratschlag. Das zweite ist eine echte Einladung zum Denken.

Ein gutes Verhältnis ist nicht fünfzig-fünfzig. Es ist eher zwanzig Prozent Coach, achtzig Prozent du — zumindest am Ende eines guten Gesprächs. Wenn es umgekehrt ist, bist du in einem Vortrag, nicht in einem Coaching. Das heisst nicht, dass dein Coach die ganze Zeit schweigen soll. Es heisst, dass seine Wortbeiträge in erster Linie dazu dienen sollten, dich zum eigenen Denken zu bringen — nicht, sein eigenes Denken zu präsentieren.

Was das nicht bedeutet

Das heisst nicht, dass ein Coach niemals etwas sagen sollte. Manchmal braucht es eine klare Beobachtung, eine Konfrontation, ein Wissenselement, das der Klient schlicht nicht hat. Es gibt Momente, in denen eine direkte Aussage mehr bewirkt als zehn weitere Fragen — etwa wenn ein Muster so offensichtlich ist, dass weiteres Fragen nur noch wie Spielerei wirken würde. Aber das ist die Ausnahme, nicht die Regel. Und es kommt erst, nachdem die Fragen erschöpft sind — nicht stattdessen.

Ich erinnere mich an eine Session, in der ich nach zwanzig Minuten Fragen gestellt hatte und merkte: Die Klientin drehte sich im Kreis. Sie wiederholte dieselbe Erklärung in unterschiedlichen Worten. An diesem Punkt habe ich eine direkte Beobachtung gemacht — nicht als Ratschlag, sondern als Spiegel: «Mir fällt auf, dass du in den letzten drei Antworten immer wieder bei deiner Mutter landest, auch wenn die Frage etwas ganz anderes war.» Das war keine Frage. Aber es war auch kein Ratschlag. Es war eine Beobachtung, die der Klientin Raum gab, selbst weiterzudenken.

Was du selbst tun kannst

Wenn du gerade in einem Coaching-Prozess bist und unsicher bist, ob du im richtigen Verhältnis arbeitest: Sprich es direkt an. Ein guter Coach wird diese Frage nicht als Angriff verstehen, sondern als legitimen Wunsch nach Klarheit über den Prozess. Wenn die Reaktion defensiv ist, sagt das auch etwas aus.

Nächster Schritt

Wenn du erleben willst, wie ein fragengeführtes Gespräch sich anfühlt: Schreib mir. Ein erstes Gespräch, sechzig Minuten, gratis.

info@viventis.net  ·  viventis.net