Ich schaffe alles – aber ich weiss nicht mehr, warum.

Wenn Leistung zum Selbstzweck wird und die Richtung verloren geht

Artikel 43

Phase: Coaching-Kritik
Lesezeit: 7 Min.

Du lieferst. Das war schon immer so, und das ist auch heute noch so. Die Projekte werden abgeschlossen, die Zahlen stimmen, das Team läuft. Von aussen sieht es nach Erfolg aus – weil es das auch ist, in jeder messbaren Hinsicht.

Und trotzdem ist da etwas, das sich verändert hat. Nicht die Leistung, nicht die Qualität, nicht der Einsatz. Sondern das, was dahinter steht. Früher hatte das alles eine Richtung, die sich irgendwie klar angefühlt hat – ein Ziel, eine Überzeugung, ein Grund. Heute machst du es noch. Weil es dran ist. Weil andere es von dir erwarten. Weil du es immer gemacht hast.

Dieser Satz – «weil ich es immer gemacht habe» – ist einer der ehrlichsten, die jemand über seine eigene Situation sagen kann. Und einer der unangenehmsten. Nicht weil er etwas Schlimmes bedeutet. Sondern weil er zeigt, dass die ursprüngliche Frage – wofür tue ich das? – irgendwann aufgehört hat, gestellt zu werden.

Die Frage, die du dir nicht stellst

Was du dir sagst, ist: Das ist normal. Jeder hat solche Phasen. Das wird sich wieder geben, wenn das Projekt durch ist, wenn der Urlaub kommt, wenn das Quartal endet. Du relativierst, du vertröste dich selbst, du verschiebst die Frage auf später.

Was du dir nicht sagst – weil es die Grundlage von allem in Frage stellt – ist das: Vielleicht ist das Warum nicht einfach in den Hintergrund getreten. Vielleicht ist es nicht mehr da. Und das ist eine andere Art von Problem als Erschöpfung, als schlechte Stimmung, als ein Motivationstief. Denn Erschöpfung geht weg, wenn du schläfst. Ein fehlendes Warum geht nicht weg, wenn du ausruhst. Es geht weg, wenn du es wieder findest – oder ehrlich anschaust, dass es gegangen ist.

Was wirklich dahintersteckt

Leistung ohne Sinn ist nicht dasselbe wie schlechte Leistung. Du kannst auf höchstem Niveau liefern und innerlich leer sein – das eine schliesst das andere nicht aus. Was fehlt, ist nicht die Fähigkeit, sondern die Verbindung zwischen dem, was du tust, und dem, warum du es tust.

Diese Verbindung geht schleichend verloren. Meistens beginnt es mit Erfolg: Du hast etwas erreicht, das dir wichtig war. Du hast bewiesen, was du kannst. Und dann – fast unmerklich – wird das Beweisen selbst zur Triebkraft, nicht mehr das Ziel dahinter. Du schaffst nicht mehr, um etwas zu erreichen. Du schaffst, weil du jemand bist, der schafft.

Das ist kein Versagen. Es ist die logische Folge von Jahren in einer Umgebung, die Leistung belohnt und Sinnfragen selten stellt. Wer nie gefragt wird «warum tust du das?», hört irgendwann auf, sich selbst zu fragen. Und dann, eines Tages – meistens nicht dramatisch, meistens an einem ganz normalen Dienstagabend – fällt auf: Die Antwort ist weg.

Was das von Erschöpfung unterscheidet

Wer erschöpft ist, weiss wohin er will – er hat nur gerade keine Kraft mehr. Wer das Warum verloren hat, hat die Kraft vielleicht noch – aber keinen Ort, wo er sie hinbringen will. Beide Zustände fühlen sich ähnlich an. Die Unterscheidung ist entscheidend, weil sie bestimmt, was als nächstes sinnvoll ist.

Was nicht hilft

Mehr Aufgaben helfen nicht – das ist Beschleunigung, keine Richtung. Weniger Aufgaben helfen auch nicht – das schafft Raum, aber keine Antwort. Ein Sabbatical hilft nur dann, wenn du weisst, welche Frage du in dieser Zeit beantworten willst. Sonst kehrst du erholt zurück – und nach drei Wochen ist alles wieder so wie vorher, nur mit einem Rückstand im Postfach.

Andere fragen, was ihnen Sinn gibt, hilft nicht. Sinn ist nicht übertragbar. Was deinem Kollegen Energie gibt, kann dir völlig gleichgültig sein. Was deine Freundin erfüllend findet, muss für dich nichts bedeuten. Die Antwort ist immer individuell – und sie kommt immer von innen, nicht von aussen.

Was stattdessen trägt

Es gibt eine Frage, die in dieser Situation mehr hilft als jede Analyse: Was würde ich tun, wenn morgen niemand mehr zuschauen würde? Wenn es keine Erwartungen gäbe, keine Bewertung, keine Karriere, kein Ansehen – was würde ich trotzdem tun?

Die Antwort auf diese Frage ist oft überraschend. Manchmal ist sie sehr nah an dem, was du bereits tust – nur aus anderen Gründen, in einem anderen Geist. Manchmal ist sie weit weg. Aber sie ist fast immer ehrlicher als alles, was du dir rationell erklärst. Und sie zeigt eine Richtung – nicht als Plan, sondern als Ahnung. Und eine Ahnung ist mehr wert als ein weiteres Jahr ohne Richtung.

Eine Frage zum Mitnehmen

Wann hast du zuletzt etwas getan, das dir wichtig war – nicht weil es jemand sah, nicht weil es einen Vorteil brachte, sondern einfach weil es richtig war? Was war das?

Ich habe das selbst beobachtet – bei mir und bei anderen: Wenn das Warum fehlt, läuft das Wie auf Reserven. Man kann das lange durchhalten. Man ist schliesslich jemand, der Dinge durchhält. Aber irgendwann beginnt das Liefern hohl zu klingen – wie ein Lied, das man so oft gespielt hat, dass man die Noten nicht mehr hört. Die Bewegung ist noch da. Der Klang ist weg.

Was mich in Gesprächen immer wieder bewegt: Der Moment, wenn jemand aufhört zu erklären warum er etwas tut – und anfängt zu beschreiben, wann er zuletzt gespürt hat, dass es stimmt. Das ist ein anderes Gespräch. Und es führt meistens viel direkter zu etwas Echtem als jede Karriereanalyse.

Nächster Schritt

Wenn du wissen willst, welches Format für dich und dein Thema am meisten Sinn macht: Schreib mir. Wir finden das in einem kurzen Erstgespräch heraus.

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