Ich tue so, als wäre alles in Ordnung – obwohl ich weiss, dass es das nicht ist.

Über die Energie, die das Verbergen kostet – und was dahintersteckt.

Artikel 10

Phase: Innere Orientierung
Lesezeit: 7 Min.

Es gibt eine Leistung, über die niemand spricht, weil sie unsichtbar ist: die Leistung, jeden Tag so zu tun, als würde man das alles locker wegstecken. Die ruhige Stimme im Meeting, obwohl man innerlich angespannt ist. Das sichere Auftreten, obwohl man sich gerade sehr unsicher fühlt. Das Lächeln, das passt – auch wenn man lieber nicht hier wäre.

Du weisst, was ich meine. Du machst das gut. Vielleicht sogar sehr gut. Und genau deshalb weiss es kaum jemand. Nicht dein Team, nicht deine Kolleginnen, oft auch nicht die Menschen, die dir am nächsten sind. Weil du es gelernt hast – nicht als bewusste Entscheidung, sondern als das, was irgendwann einfach dazu gehörte.

Die Frage, die du dir nicht stellst

Was du dir sagst, ist: Das ist Professionalität. Das erwartet man von jemandem in meiner Position. Man zeigt nicht alles. Man bleibt stabil. Das stimmt auch irgendwie – es gibt Kontexte, in denen das richtig ist.

Was du dir nicht sagst – weil es das ganze System in Frage stellen würde – ist das: Was kostet mich das? Verbergen ist keine passive Haltung. Es ist aktive Arbeit. Es verbraucht Energie – Energie, die dann fehlt für das, was du eigentlich tun willst, für die Menschen, die dir wichtig sind, für die Momente, in denen du wirklich da sein möchtest.

Die meisten Menschen, die sehr gut im Funktionieren sind, unterschätzen, wie viel Energie das Aufrechterhalten der Fassade kostet. Nicht weil sie schwach sind – sondern weil sie es so lange so gut gemacht haben, dass es sich normal anfühlt. Normal ist nicht dasselbe wie kostenlos.

Was wirklich dahintersteckt

Das Verbergen beginnt meistens mit einer vernünftigen Entscheidung: Hier ist nicht der richtige Ort. Diese Person versteht das nicht. Das ist nicht professionell. Und das stimmt oft sogar. Nicht jeder Ort und nicht jede Person eignet sich für echte Ehrlichkeit.

Aber irgendwann – nach Jahren – ist aus einer situativen Entscheidung eine Gewohnheit geworden. Du verbirgst nicht mehr, weil der Kontext es nahelegt. Du verbirgst, weil du verlernt hast, es anders zu machen. Und das hat Konsequenzen: nicht nur für dich, sondern für die Art, wie du führst, wie du Beziehungen gestaltest, wie du Entscheidungen triffst.

Wer immer zeigt, was andere sehen wollen, verliert irgendwann den Zugang zu dem, was er selbst sieht. Das klingt dramatisch. Es ist meistens still und schleichend. Es zeigt sich in kleinen Dingen: dass du nicht mehr weisst, was du wirklich willst. Dass Entscheidungen schwerer werden, nicht wegen der Optionen, sondern weil dein eigenes Urteil leiser geworden ist. Dass du merkst, dass du schon lange niemanden mehr wirklich in deinen Alltag gelassen hast – nicht weil du es nicht wolltest, sondern weil du nicht mehr weisst, wie.

Was das langfristig bedeutet

Menschen, die sehr gut darin sind, eine stabile Oberfläche zu zeigen, verlieren oft den Kontakt zu dem, was unter dieser Oberfläche passiert. Das ist keine Schwäche. Es ist der Preis einer bestimmten Art von Stärke – und er wird selten offen benannt.

Was nicht hilft

Noch professioneller werden hilft nicht – das verschärft das Problem. Mehr Sport, früher schlafen, weniger Bildschirm – das sind keine schlechten Ideen, aber sie behandeln die Oberfläche, nicht den Kern. Reden mit Freunden hilft begrenzt – sie kennen dich in der Rolle, in der du schon immer für sie da warst, und das wird sich in dem Gespräch zeigen, oft ohne dass einer von euch es merkt.

Und warten hilft nicht – das Verbergen hört nicht auf, weil Zeit vergeht. Es hört auf, weil sich etwas ändert. Und das Erste, das sich ändern muss, ist meistens nicht der Job, nicht die Beziehung, nicht der Wohnort. Sondern die Bereitschaft, sich selbst gegenüber ehrlicher zu sein als bisher.

Was stattdessen trägt

Es gibt keinen Schalter, den du umlegen kannst. Aber es gibt einen ersten Schritt: einem einzigen Menschen – in einem geschützten Rahmen – ehrlich sagen, wie es wirklich ist. Nicht performt, nicht relativiert, nicht mit der Schlusspointe, die es wieder erträglich macht. Einfach: so ist es.

Ich habe das selbst beobachtet – bei mir und bei anderen: Wenn das Warum fehlt, läuft das Wie auf Reserven. Man kann das lange durchhalten. Man ist schliesslich jemand, der Dinge durchhält, sonst wäre man nicht dort, wo man ist. Aber irgendwann beginnt das Liefern hohl zu klingen – wie ein Lied, das man so oft gespielt hat, dass man die Noten nicht mehr hört. Die Bewegung ist noch da. Der Klang ist weg.

Was mich in Gesprächen immer wieder bewegt: Der Moment, wenn jemand aufhört zu erklären warum er etwas tut – und anfängt zu beschreiben, wann er zuletzt gespürt hat, dass es stimmt. Das ist ein anderes Gespräch. Und es führt meistens viel direkter zu etwas Echtem als jede Karriereanalyse. Weil es nicht fragt ‚Was sollte ich wollen?‘ sondern ‚Was hat sich schon immer richtig angefühlt?‘ Und das ist eine Frage, auf die die meisten Menschen eine Antwort haben – die sie nur lange nicht gestellt bekommen haben.

Das klingt klein. Es ist es nicht. Denn der Moment, in dem du aufhörst, dich zu verbergen, ist der Moment, in dem du wieder Zugang zu dir selbst bekommst. Nicht vollständig, nicht sofort. Aber etwas öffnet sich. Und von dort aus beginnt das, was wirklich trägt.

Ich sage das nicht als Versprechen. Sondern als das, was ich in dreissig Jahren Gesprächen immer wieder beobachtet habe: Der Moment der Ehrlichkeit – auch wenn er schwer ist, auch wenn er unangenehm ist – ist meistens der Anfang von etwas, das langfristig trägt. Nicht das Ende von etwas.

Eine Frage zum Mitnehmen

Gibt es einen Menschen in deinem Leben, dem gegenüber du nicht spielen musst? Wenn ja: Wann hast du zuletzt wirklich mit ihm oder ihr gesprochen – nicht über Alltag und Termine, sondern über das, was dich wirklich beschäftigt?

Es gibt eine Ironie in dieser Situation: Je besser man darin wird, nach aussen stabil zu wirken, desto weniger fragt jemand, wie es wirklich ist. Weil man es offensichtlich im Griff hat. Das ist eine sehr einsame Art von Stärke. Man ist der Fels, aber Felsen werden nicht gefragt, ob sie gerade wackeln.

Ich erinnere mich an eine Klientin, die mir nach der ersten Session sagte: Das war das erste Mal seit Jahren, dass ich jemandem gegenüber nicht zusammenhalten musste. Das war kein Lob für mich. Es war eine Beobachtung über ihr Leben – und über das, was das Verbergen gekostet hatte. Still, über viele Jahre, in kleinen Portionen.

Nächster Schritt

Wenn du wissen willst, welches Format für dich und dein Thema am meisten Sinn macht: Schreib mir. Wir finden das in einem kurzen Erstgespräch heraus.

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