Was Coaches dir versprechen dürfen – und was sie es nicht sollten.

Über Garantien, Ergebnisversprechen und die Frage, was Coaching wirklich leisten kann.

Artikel 42

Phase: Coaching-Kritik
Lesezeit: 8 Min.

«In 90 Tagen zu deinem Traumleben.» «Verdopple deinen Umsatz in 6 Monaten.» «Endlich Klarheit — garantiert.» Diese Versprechen sind nicht aus der Luft gegriffen — sie stehen auf echten Websites, in echten Angeboten, von echten Coaches, die echtes Geld dafür verlangen. Manchmal sehr viel Geld.

Ich werde erklären, warum diese Versprechen fast immer falsch sind — nicht weil die Coaches böswillig wären, sondern weil sie strukturell das versprechen, was sie nicht versprechen können. Und ich werde erklären, was ein ehrliches Versprechen im Coaching aussehen kann.

Was Coaching nicht garantieren kann

Coaching kann kein Ergebnis garantieren — weil das Ergebnis nicht allein vom Coach abhängt. Es hängt davon ab, was der Klient mitbringt: seine Bereitschaft, wirklich ehrlich zu sein, die Dinge anzuschauen, die er bisher vermieden hat, seine Einsichten im Alltag umzusetzen — auch wenn es unbequem ist, auch wenn andere es nicht verstehen, auch wenn es Zeit braucht. Es hängt von äusseren Umständen ab, die kein Coach kontrolliert — Marktbedingungen, familiäre Situationen, Gesundheit, unvorhergesehene Ereignisse. Und es hängt davon ab, ob die Chemie zwischen Coach und Klient stimmt, ob der Zeitpunkt im Leben des Klienten stimmt, ob die Methode zu dieser spezifischen Person passt.

Ein Coach, der dir ein Ergebnis garantiert, verkauft entweder etwas anderes als Coaching — ein Programm, ein Skript, eine Methode mit fest definierten Outputs, die unabhängig von der Person funktionieren soll — oder er übertreibt in einer Weise, die marketingtechnisch wirksam und inhaltlich unehrlich ist. Das erste kann in bestimmten Kontexten sinnvoll sein — Businessplanung, Verkaufstraining, spezifische Skillentwicklung. Aber es ist kein Coaching im eigentlichen Sinne. Das zweite ist schlicht falsch.

Die unbequeme Wahrheit

Wenn ein Coach dir Ergebnisse garantiert, trägt er implizit die Verantwortung für dein Leben. Das klingt auf den ersten Blick attraktiv. Es ist grundlegend falsch — weil die Verantwortung für dein Leben bei dir liegt, nicht bei ihm. Und ein Coaching-Prozess, der das verschleiert statt zu klären, hat sein wichtigstes Ziel verfehlt, bevor er überhaupt begonnen hat.

Was dann passiert, wenn Ergebnisversprechen nicht halten

Ich habe Klienten begleitet, die vorher bei anderen Coaches waren und denen man Ergebnisse versprochen hatte, die ausblieben. Was dann fast immer passierte: Der Coach erklärte, warum der Klient nicht das Richtige getan hatte. Nicht genug umgesetzt. Nicht bereit genug gewesen. Nicht hart genug gearbeitet. Nicht wirklich gewollt. Das Versprechen des Coaches war in Ordnung — der Klient hatte es nur nicht eingelöst.

Das ist eine besonders unangenehme Form von Schuldzuweisung, weil sie in einem Feld stattfindet, in dem Menschen oft bereits vulnerabel sind — in einem Übergang, mit einer unbeantworteten Frage, in einer schwierigen Phase. Wer in dieser Situation steckt, ist nicht gut positioniert, um sich gegen die Aussage zu wehren, er hätte es nur nicht genug gewollt. Er zweifelt eher an sich selbst. Das ist das Gegenteil von dem, was gutes Coaching erreichen sollte.

Ich kenne dieses Muster gut — nicht weil ich es selbst so gemacht habe, sondern weil mir genug Menschen davon erzählt haben. Es ist keine Seltenheit. Und es ist der Grund, warum ich Ergebnisversprechen im Coaching für strukturell problematisch halte — nicht als moralisches Urteil über einzelne Coaches, sondern als Analyse eines Systems, das falsche Anreize erzeugt.

Was ein ehrliches Versprechen aussehen kann

Ein Coach kann versprechen, dass er vollständig präsent ist — nicht mit einem Teil seiner Aufmerksamkeit bei der nächsten Frage, die er stellen wird, sondern wirklich bei dem, was gerade passiert. Er kann versprechen, dass er ehrlich ist, auch wenn die Ehrlichkeit unbequem ist — sowohl für den Klienten als auch für ihn selbst. Er kann versprechen, dass er Fragen stellt, die wirklich weiterführen, statt solche, die das Gespräch in eine vorbereitete Richtung lenken.

Er kann versprechen, dass er sagt, wenn er nicht der Richtige ist — wenn das Thema ausserhalb seiner Kompetenz liegt, wenn ein anderer Coach besser passen würde, wenn Therapie sinnvoller wäre als Coaching. Er kann versprechen, dass er keine Abhängigkeit schafft, sondern Selbstständigkeit fördert — dass das Ziel eines guten Coaching-Prozesses immer ist, sich selbst überflüssig zu machen.

Das sind Versprechen, die ein Coach wirklich einhalten kann — weil sie in seinem Einflussbereich liegen, nicht im Einflussbereich des Klienten oder der äusseren Umstände. Sie klingen weniger spektakulär als «Traumleben in 90 Tagen». Aber sie beschreiben das, was Coaching tatsächlich leisten kann. Und wer diese Dinge wirklich einhält, braucht keine übertriebenen Versprechen — die Wirkung zeigt sich von selbst.

Woran du es erkennst

Lies das Angebot eines Coaches sorgfältig. Wenn das Versprechen auf dem Ergebnis liegt — «Du wirst X erreichen», «Garantiert Y in Z Wochen» — frag dich: Wie kann jemand das garantieren, der nicht ich bin? Welchen Einfluss hat er auf die Variablen, die das Ergebnis bestimmen? Wenn keine befriedigende Antwort kommt, ist das ein Signal.

Wenn das Versprechen auf dem Prozess liegt — «Ich bin vollständig präsent», «Ich frage, was wirklich weiterführt», «Ich sage dir, wenn ich nicht der Richtige bin» — dann beschreibt der Coach, was in seinem Einflussbereich liegt. Das ist ehrlicher. Es ist auch anspruchsvoller — weil man diese Qualitäten nicht einfach behaupten kann, sie müssen sich im Gespräch selbst zeigen. Aber sie sind die Grundlage für eine Zusammenarbeit, die wirklich trägt.

Es gibt noch einen Aspekt, der selten offen angesprochen wird: die Psychologie hinter dem Ergebnisversprechen — auf beiden Seiten. Der Klient sucht Sicherheit in einer unsicheren Situation. Er will wissen, dass sich die Investition lohnt. Das ist verständlich. Und der Coach, der das Versprechen gibt, gibt es oft nicht aus schlechtem Charakter — sondern weil er weiss, dass es beruhigt, dass es Vertrauen erzeugt, dass es den Abschluss wahrscheinlicher macht. Beide Parteien tragen zu einem System bei, das auf kurze Sicht funktioniert und auf lange Sicht Schaden anrichtet.

Der einzige Weg aus diesem System führt über Ehrlichkeit — und über die Bereitschaft, die eigene Unsicherheit auszuhalten. Ein Klient, der sagt ‚Ich weiss nicht, ob das funktioniert‘, und ein Coach, der antwortet ‚Ich auch nicht, aber ich kann dir sagen, was wir konkret tun — und warum ich glaube, dass es hilft‘ — das ist eine ehrlichere Basis als jedes Versprechen. Sie ist weniger beruhigend im ersten Moment. Sie ist tragfähiger auf lange Sicht. Und das Vertrauen, das auf ihr entsteht, ist das, das hält, wenn es schwierig wird — und schwierig wird es in jedem echten Coaching-Prozess irgendwann.

Ich merke, dass die Menschen, die am meisten von Coaching profitieren, meistens nicht diejenigen sind, die das grösste Versprechen geglaubt haben. Es sind die, die mit realistischen Erwartungen gekommen sind — die gewusst haben, dass Coaching Arbeit bedeutet, dass es unbequeme Momente geben wird, dass das Ergebnis nicht garantiert, sondern erarbeitet ist. Diese Menschen enttäuschen sich nicht, wenn es nicht nach Woche drei schon alles klar ist. Sie bleiben dabei, weil sie den Prozess verstehen.

Das ist der paradoxe Effekt ehrlicher Kommunikation: Wer von Anfang an klar sagt, was Coaching ist und was es nicht ist, gewinnt langfristig mehr Vertrauen als jemand, der grosse Versprechen macht und sie nicht halten kann. Das Versprechen zieht Klienten an. Die Ehrlichkeit hält sie. Und ein guter Coaching-Prozess lebt vom Bleiben — nicht vom Anfangen.

Nächster Schritt

Wenn du wissen willst, welches Format für dich und dein Thema am meisten Sinn macht: Schreib mir. Wir finden das in einem kurzen Erstgespräch heraus.

info@viventis.net  · viventis.net