Über Hindernisse, Stärken und den Weg zu innerer Klarheit — aus der Perspektive eines Peers
Phase: Innere Orientierung
Lesezeit: 6 Min.
Ich erinnere mich an ein Gespräch, das schon einige Jahre zurückliegt. Ein Unternehmer, Mitte vierzig, sass mir gegenüber und sagte: «Ich habe letzte Woche erfahren, dass ich ADHS habe. Mein Arzt meinte, ich sollte das behandeln lassen.» Er schaute mich an, als wartete er auf eine Reaktion der Bestätigung. Ich habe eine Weile nichts gesagt. Dann fragte ich: «Was hat sich in deinem Leben durch diese Diagnose verändert?» Er überlegte. «Eigentlich nichts», sagte er. «Ich bin immer noch derselbe. Ich weiss jetzt nur, wie das heisst, was ich schon immer war.»
Das ist der Satz, um den es in diesem Artikel geht.
ADHS ist keine Krankheit — es ist eine andere Art, die Welt zu verarbeiten
Ich sage das nicht, um medizinische Diagnosen zu relativieren oder Unterstützung zu verharmlosen, die manche Menschen wirklich brauchen. Ich sage es, weil die dominante Erzählung über ADHS — Defizit, Störung, Behandlungsbedarf — nur einen Teil der Realität zeigt. Und weil dieser Teil das Leben vieler Menschen schwerer macht, als es sein müsste.
ADHS steht für Attention Deficit Hyperactivity Disorder — Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Schon der Name erzählt eine Geschichte: Etwas fehlt. Etwas ist gestört. Etwas muss behandelt werden. Was der Name nicht erzählt: Menschen mit ADHS können sich stundenlang auf Dinge konzentrieren, die sie wirklich interessieren – ein Phänomen, das Hyperfokus heisst. Sie denken oft in Verbindungen, die anderen entgehen. Sie reagieren schnell, kreativ, unkonventionell. Sie langweilen sich leichter – weil ihr Gehirn mehr Stimulation braucht, nicht weil sie zu wenig Disziplin haben.
Das ist keine Liste von Trostpreisen für eine Behinderung. Das ist eine andere Konfiguration. Mit echten Stärken. Und mit echten Hindernissen — die sich aber von dem unterscheiden, was viele annehmen.
Was ich als Peer weissIch kenne ADHS nicht aus Lehrbüchern. Ich kenne es von innen. Und das, was ich von innen kenne, sieht anders aus als das, was in den meisten Beschreibungen steht — nämlich nicht wie ein Defizit, sondern wie eine andere Art, präsent zu sein. Laut manchmal. Unruhig. Voller Ideen, die alle gleichzeitig kommen. Und mit einer Intensität, die andere manchmal überfordert — mich selbst eingeschlossen. |
Die unbewussten Hindernisse — und warum sie so schwer zu sehen sind
Was viele Menschen mit ADHS nicht wissen — oder wissen, aber nicht wirklich verstehen — ist das Ausmass, in dem bestimmte Muster ihr Leben prägen, ohne dass sie es merken. Nicht weil sie unaufmerksam wären. Sondern weil diese Muster so tief eingebettet sind, dass sie wie normale Lebensführung aussehen.
Eines der häufigsten: das Vermeidungsverhalten bei Aufgaben ohne sofortige Belohnung. Das sieht nicht aus wie Faulheit — es fühlt sich tatsächlich wie eine Wand an. Der Kopf weiss, dass die Steuererklärung erledigt werden muss. Der Körper macht einfach nicht mit. Und dann kommt das Zweite: die Scham darüber, dass man es wieder nicht geschafft hat. Die Überzeugung, dass andere das locker hinkriegen. Dass man «einfach mehr Disziplin» bräuchte.
Ein anderes Muster: die Hypersensitivität auf Ablehnung — im Englischen Rejection Sensitive Dysphoria genannt. Eine Kritik, die andere abhakt, kann jemanden mit ADHS für Stunden oder Tage beschäftigen. Eine ausbleibende Antwort auf eine Nachricht wird zum Beweis, dass etwas nicht stimmt. Das ist keine Überempfindlichkeit im Charakter — es ist neurologisch bedingt. Und es kostet enorm, Tag für Tag.
Und dann ist da noch das grosse Thema Zeitgefühl. Menschen mit ADHS leben oft in einer Zeitwahrnehmung, die aus zwei Modi besteht: jetzt und nicht jetzt. Alles, was nicht unmittelbar relevant ist, existiert in einer diffusen Zukunft, die sich nicht real anfühlt. Deadlines, die «noch drei Wochen hin» sind, werden nicht wahrgenommen — bis sie plötzlich morgen sind. Das klingt nach schlechter Planung. Es ist Neurologie.
Was das im Alltag bedeutetDiese Muster sind nicht Charakter-Schwächen. Sie sind Betriebssystem-Eigenheiten — und sie zu kennen macht den Unterschied zwischen einem Leben im Kampf gegen sich selbst und einem Leben, das mit sich selbst arbeitet statt dagegen. |
Ich bin kein Therapeut und kein Psychiater. Coaching ist kein Ersatz für medizinische oder therapeutische Unterstützung, wenn die gebraucht wird. Das sage ich explizit, weil ich glaube, dass es wichtig ist, diese Grenzen klar zu benennen.
Was Coaching leisten kann, ist etwas anderes: Es kann helfen, die eigenen Muster zu sehen — nicht um sie zu «heilen», sondern um bewusst mit ihnen zu arbeiten. Wer weiss, dass sein Gehirn bei abstrakten Zukunftsaufgaben nicht anspringt, kann konkrete Sofortmassnahmen einbauen, die das Gehirn dennoch aktivieren. Wer weiss, dass er auf Ablehnung hypersensitiv reagiert, kann lernen, diese Reaktion zu erkennen und zu unterscheiden — wann ist die Reaktion Signal, wann ist sie Lärm?
Was ich in meiner Praxis immer wieder sehe: Menschen mit ADHS haben meistens nicht zu wenig Potenzial. Sie haben oft aussergewöhnlich viel davon. Was fehlt, ist nicht Begabung — es ist ein System, das mit ihrer Art zu denken kompatibel ist statt gegen sie.
Das klingt einfach. Es ist es nicht. Weil die meisten Menschen mit ADHS jahrzehntelang in Systemen waren, die das Gegenteil taten — Schulsysteme, Arbeitskulturen, soziale Normen, die auf ein neurotypisches Gehirn ausgelegt waren. Der Schaden, der dabei entstanden ist, ist meistens kein fachlicher. Es ist Selbstwert-Schaden. Das Bild von sich selbst als jemand, der «es irgendwie nicht hinkriegt». Das ist die eigentliche Arbeit im Coaching.
Die Methode des Inneren Kompass ist im Kern eine Methode zur Selbstorientierung: Was sind meine Werte? Was gibt mir Energie? Was kostet mich unverhältnismässig viel? Wohin will ich wirklich — nicht wohin sollte ich wollen?
Für Menschen mit ADHS hat diese Methode eine besondere Relevanz, weil die grösste Herausforderung oft nicht die Fähigkeit ist, etwas zu tun — sondern die Richtung, in die Energie fliesst. Ein ADHS-Gehirn, das in der falschen Richtung unterwegs ist, kämpft. Ein ADHS-Gehirn, das in der richtigen Richtung unterwegs ist, ist aussergewöhnlich. Die Spanne zwischen beidem ist grösser als bei einem neurotypischen Gehirn.
Was das in der Praxis bedeutet: Die Fragen «Was will ich wirklich?» und «Was kostet mich was?» sind bei ADHS nicht nur Lebensgestaltungsfragen — sie sind operative Fragen. Ein ADHS-Unternehmer, der nicht weiss, was ihm wirklich Energie gibt, wird alles auf dem gleichen Niveau bearbeiten — und sich wundern, warum alles gleich schwer ist. Einer, der das weiss, baut sein Leben so, dass er möglichst viel Zeit in Hyperfokus-Zustand verbringt — und für den Rest Strukturen schafft, die das Gehirn nicht überfordern.
Ein konkretes Beispiel aus der PraxisIch habe einen Klienten begleitet, der als Unternehmer regelmässig ausgezeichnete Ideen hatte, sie aber selten zu Ende brachte. Die Diagnose: «Ich kann nicht durchhalten.» Die Realität: Er hatte keine Struktur geschaffen, die seinem Gehirn half, über den ersten Begeisterungsschub hinaus zu bleiben. Wir haben keine Disziplin trainiert. Wir haben sein Umfeld so gestaltet, dass es mit ihm arbeitete statt gegen ihn. Die Ergebnisse waren schnell spürbar — nicht weil sich er verändert hat, sondern weil sich das System verändert hat. |
Ich habe bewusst lange gewartet, bevor ich über Stärken spreche — weil ich nicht will, dass dieser Abschnitt wie ein aufmunterndes Schlusswort klingt. Die Stärken sind kein Trostpflaster. Sie sind der Ausgangspunkt.
Menschen mit ADHS denken oft systemisch — sie sehen Verbindungen zwischen Dingen, die andere als getrennt betrachten. Sie sind oft aussergewöhnlich kreativ in Problemlösungen, gerade weil ihr Gehirn nicht auf dem üblichen Pfad denkt. Sie bringen eine Energie in Räume, die anderen fehlt. Sie sind meistens direkt, ehrlich, und haben eine geringe Toleranz für Sinnlosigkeit — was manchmal anstrengend ist, aber auch aussergewöhnlich wertvolle Konsequenz hat.
Hyperfokus ist eine Superkraft, wenn er auf etwas Richtiges gerichtet ist. Die Fähigkeit, schnell zu wechseln, ist in einer Welt, die sich schnell verändert, ein echter Vorteil. Die Intensität, mit der Menschen mit ADHS erleben — Schmerz und Freude gleichermassen — macht viele von ihnen zu aussergewöhnlich empathischen, lebendigen Menschen.
Das sehe ich nicht durch eine rosarote Brille. Ich sehe es, weil ich es kenne — und weil ich in dreissig Jahren Coaching viele Menschen begleitet habe, die erst dann wirklich anfingen, ihr Leben zu gestalten, als sie aufgehört haben, ihr Gehirn für kaputt zu halten.
Mehr Willenskraft hilft nicht. Das ADHS-Gehirn hat kein Motivationsproblem im klassischen Sinne — es hat ein Aktivierungsproblem. Willenskraft, auf ein Aktivierungsproblem angewendet, erschöpft sich sehr schnell. Das Ergebnis ist nicht mehr Leistung, sondern mehr Scham.
Sich zu vergleichen hilft nicht. Das neurotypische Gehirn ist kein Standard, gegen den man sich messen sollte. Es ist eine andere Konfiguration, nicht die richtige. Wer sein Leben so gestaltet, dass es mit seinem Gehirn funktioniert, wird immer weiter kommen als jemand, der versucht, ein neurotypisches Leben mit ADHS-Gehirn zu führen.
Und: Die Diagnose allein hilft nicht. Ich kenne viele Menschen, die nach der Diagnose erleichtert waren — endlich ein Name für das, was immer da war. Und dann weitergelebt haben wie bisher, nur mit einem Etikett mehr. Die Diagnose ist ein Anfang. Sie ist kein Plan.
Sich selbst kennenlernen — nicht im abstrakten Sinne, sondern konkret. Was aktiviert mein Gehirn? Was lähmt es? Wann bin ich im Fluss, wann kämpfe ich? Diese Fragen sind keine philosophischen — sie sind praktisch. Und die Antworten darauf sind der Anfang eines Lebens, das mit dir arbeitet statt gegen dich.
Strukturen schaffen, die zu dir passen — nicht zu anderen. Das bedeutet manchmal, unkonventionelle Wege zu gehen. Arbeit in kurzen Blöcken statt langen Sessions. Laufen während du nachdenkst. Dinge diktieren statt schreiben. Externe Deadlines schaffen, weil interne nicht funktionieren. Das ist kein Versagen — das ist intelligente Anpassung.
Und: Unterstützung suchen, die wirklich versteht. Nicht jeder Coach, nicht jeder Therapeut ist geeignet, Menschen mit ADHS zu begleiten. Es braucht jemanden, der das Gehirn nicht reparieren will — sondern mit ihm arbeiten kann.
Eine Frage zum MitnehmenWenn du an die Momente denkst, in denen du wirklich im Fluss warst — vollständig präsent, energievoll, klar — was war in diesen Momenten anders? Was hat dein Gehirn aktiviert? Und wie viel deines Alltags verbringst du in diesem Zustand? | ||
Nächster SchrittWenn du weisst, dass dein Gehirn anders funktioniert — und herausfinden willst, wie ein Leben aussehen könnte, das wirklich mit dir arbeitet: Schreib mir. Ich kenne das Thema von innen. Und ich weiss, dass «anders» nicht «falsch» bedeutet. info@viventis.net · viventis.net | ||
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