Über Verletzlichkeit als Führungsaufgabe – privat und beruflich derselbe Muskel.
Sie sitzt am Tisch, ihre Tochter fragt sie, ob sie manchmal Angst hat, dass die Firma nicht durchhält. Ein einfacher Moment, aber sie merkt, wie automatisch die Antwort kommt: Das ist kompliziert, das musst du nicht verstehen. Dieselbe Antwort, mit anderen Worten, gibt sie eine Stunde später ihrem Geschäftspartner, als der nach dem eigentlichen Grund für eine schwierige Entscheidung fragt. Beide Male schützt sie sich mit derselben Bewegung: die Kontrolle behalten, nichts zeigen, was wie Schwäche aussehen könnte. Die Tochter fragt nicht mehr weiter. Der Geschäftspartner auch nicht. Beide Gespräche enden höflich und ergebnislos. Niemand hat gelogen. Aber niemand hat auch wirklich erfahren, wie es ihr tatsächlich geht.
Das ist keine einmalige Situation. Es passiert bei ihr fast täglich, in unterschiedlichen Verkleidungen. Ein Mitarbeiter fragt nach dem Grund einer Reorganisation, sie liefert die offizielle Begründung, nicht die eigentliche Unsicherheit dahinter. Ein Freund fragt beim Abendessen, wie es ihr wirklich geht, sie antwortet mit einer kurzen, positiven Zusammenfassung und wechselt das Thema. Jedes Mal für sich genommen wirkt es harmlos, fast höflich. Zusammengenommen ergibt es ein Muster, das sie selbst irgendwann nicht mehr als Schutzmechanismus erkennt, sondern für ihre Persönlichkeit hält.
Wer Verantwortung trägt, fragt sich oft, wie viel Transparenz angemessen ist. Wie viel darf man zeigen, ohne die eigene Autorität zu untergraben. Das ist eine strategische Frage, und sie hat ihre Berechtigung. Die Frage, die dahinter meist unbeantwortet bleibt, ist eine andere: Ob die Kontrolle, die man in schwierigen Momenten über sich behält, überhaupt noch eine bewusste Entscheidung ist, oder ob sie längst ein Reflex geworden ist, der sich automatisch einschaltet, sobald jemand zu nah kommt. Der Unterschied ist entscheidend. Eine Entscheidung kann man ändern. Einen Reflex bemerkt man oft erst, wenn ihn jemand anderes anspricht.
Führung verlangt über Jahre eine bestimmte Selbstdarstellung: ruhig bleiben, wenn andere unsicher sind, eine Richtung vorgeben, auch wenn man selbst zweifelt. Das ist keine Verstellung, sondern eine Funktion, die zur Rolle gehört. Das Risiko entsteht, wenn diese Funktion zur einzigen Art wird, sich überhaupt zu zeigen, privat wie beruflich. Verletzlichkeit wird dann nicht bewusst vermieden, sie wird schlicht nicht mehr erkannt als Option. Der gleiche Reflex, der im Vorstand für Stabilität sorgt, sorgt am Küchentisch für Distanz. Es ist derselbe Muskel, nur an der falschen Stelle eingesetzt.
Dazu kommt, dass Führungspositionen dieses Verhalten aktiv belohnen. Wer ruhig bleibt, wenn andere unsicher sind, wird als stark wahrgenommen, bekommt mehr Verantwortung, mehr Vertrauen. Diese Rückmeldung verstärkt den Reflex, statt ihn infrage zu stellen. Niemand im Berufsumfeld sagt: Zeig mehr Unsicherheit. Die Rückmeldung läuft immer in dieselbe Richtung, und genau deshalb wird aus einer nützlichen beruflichen Fähigkeit über die Jahre eine private Einschränkung, ohne dass jemand das gezielt beabsichtigt hätte.
Was das bedeutetKontrolle über die eigene Wirkung ist im Beruf oft nötig. Wird sie zur einzigen Reaktion auf jede Form von Nähe, verhindert sie genau das, was Beziehungen tragfähig macht: dass jemand dich auch dort sieht, wo du nicht stark bist. |
Sich vorzunehmen, privat offener zu sein, verpufft meistens, weil es an der Oberfläche ansetzt, nicht am Reflex selbst. Auch der Rat, öfter über Gefühle zu sprechen, greift zu kurz, wenn die Grundbewegung, bei Nähe automatisch dichtzumachen, unverändert bleibt. Man kann sich zwingen, ein Gefühl zu benennen, ohne dass sich dadurch etwas an der eigentlichen Haltung ändert. Das wirkt dann aufgesetzt, und die Menschen im Umfeld spüren das meistens auch.
Der erste Schritt ist, den Reflex überhaupt zu bemerken, im Moment, in dem er passiert, nicht erst danach in der Analyse. Das gelingt eher, wenn man sich eine einzige, sehr konkrete Situation vornimmt, in der man den Impuls, dichtzumachen, bewusst einen Moment länger aushält, bevor man reagiert. Nicht in jedem Gespräch, aber in einem bestimmten. Der zweite Schritt ist, jemandem, Partner, enger Freund, manchmal auch dem eigenen Coach, explizit zu sagen, dass man gerade unsicher ist, ohne die Unsicherheit sofort mit einer Lösung zu verbinden. Das fühlt sich ungewohnt an, gerade für jemanden, der Sicherheit ausstrahlen soll. Genau das macht es wirksam.
Ein dritter, oft unterschätzter Schritt: sich bewusst eine Person im Leben aussuchen, bei der Kontrolle explizit keine Voraussetzung für Respekt ist. Nicht der Geschäftspartner, nicht die Mitarbeitenden, sondern jemand, bei dem Unsicherheit zeigen keine Konsequenzen für die eigene Position hat. Diese Person wird zum Übungsfeld für einen Muskel, der sonst kaum trainiert wird.
In meiner Arbeit mit Führungskräften zeigt sich dieses Muster fast immer gleich: Wer beruflich lernt, keine Schwäche zu zeigen, verlernt irgendwann, sie überhaupt zu spüren. Das gilt für Vorstände genauso wie für Familienväter und Mütter in Führungspositionen. Das lässt sich zurückholen, aber nicht durch eine neue Technik, sondern durch die bewusste Entscheidung, an einer einzigen Stelle die Kontrolle abzugeben.
Nächster SchrittWenn du merkst, dass du auch dort funktionierst, wo eigentlich Nähe gefragt wäre: Schreib mir. Kein Programm, kein Konzept – ein Gespräch, das bei der Sache bleibt, die dich gerade beschäftigt. info@viventis.net · viventis.net |
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